Wie gehen wir vor wenn wir unsere Schulen neu denken wollen?
Jun 1, 2021 @ 23:11

Hallo,

Tobias und ich hatten die Idee, dass es an der Zeit wäre, Schule neu zu denken. Aber wie bekommen wir das hin? Es gibt ja schon einige Schulen die das vorgemacht haben. Können wir voneinander lernen? Erzählt uns Eure Erfahrungen und lasst uns an Euren Erfolgen (und Misserfolgen) teilhaben!

Wir haben unsere Gedanken in einem kurzen YouTube-Video festgehalten. Vielleicht habt Ihr ja Lust darauf zu reagieren?

Wenn Ihr mögt, könnt Ihr nicht nur hier in den Kommentaren sondern auch im Padlet dazu diskutieren: https://padlet.com/tgoepfrich/Edunauten

18 Antworten
  1. Hier noch mal der Link in (hoffentlich) anklickbar: https://padlet.com/tgoepfrich/Edunauten

  2. Ich habe mal in einer Schule gearbeitet, die ist dem Verbund „Blick über den Zaun“ (BÜZ) beigetreten, um die eigene Schulentwicklung voranzutreiben. Allein die Diskussionen über die vom BÜZ aufgestellten Kriterien für eine gute Schule, aber auch die gegenseitigen Schulbesuche stellten eine starke Triebfeder für die Entwicklung dar: https://vimeo.com/412457043

  3. Wenn Schule zwar neu gedacht, aber nicht neu gemacht wird, hängt dies oft auch damit zusammen, dass sich die Vorstellungen der unterschiedlichen Beteiligten (von den Lernenden bis zur Bildungsministerin) nicht immer decken. Das sieht man sehr gut in den aktuellen Diskussionen um die Digitalisierung. Während den einen eine Lernkultur vorschwebt, in der die Lernenden wie Schmetterlinge von einer Blüte zur nächsten taumeln, um nur die köstlichsten Nektare zu kosten, ziehen andere ein System vor, welches den Lernenden bei jedem ihrer Schritte erläutert, mit welcher Aktivität sie am schnellsten zu einem Abschluss kommen, der dann in der Marktwirtschaft direkt in einem der vielen aber gutbezahlten Zahnräder endet.

    Und selbst wenn man sich grundsätzlich einig wird, was oft viel Geduld von allen Beteiligten fordert, kann die Art der gewählten Sprache immer wieder zu Missverständnissen führen, denn letztlich sind weniger die grossen Visionen und Schlagwörter entscheidend als die ganz konkrete Umsetzung im täglichen Alltagsgeschäft. Und diese bleibt trotz aller grandiosen Visionen von den unterschiedlichsten Beteiligten Knochenarbeit, die immer mit viel Aufwand verbunden ist. Manchmal so viel, dass diejenigen, welche sich im Hamsterrad drehen, darüber vergessen, dass es eine Welt jenseits dieses Käfigs gibt.

    Deshalb meine Frage an euch: Was trägt ihr selbst dazu bei, dass andere euren Visionen eine gewisse Zurückhaltung entgegenbringen?

    • Halle Matthias,
      ich verstehe Deine Frage nicht so richtig?
      Fragst Du, was ich derzeit mach, damit die Kolleg:innen meine Ideen von einer guten Schule ablehnen?

      • Genau: Welche deiner Formulierungen, Haltungen usw. führen bei Kolleginnen und Kollegen dazu, dass sich (unnötige) Widerstände bilden?

        Meiner Erfahrung nach tragen zumindest zwei Muster dazu bei:

        1.) Die (unbewusste) Herabwürdigung der Arbeit anderer, indem wir diese als nicht mehr dem Zeitgeist entsprechend titulieren. Diese ist insbesondere in Publikationen zur „Neuen Schule“ stark verbreitet. Man beschreibt erst lange, wie schlecht die aktuellen Zustände sind und tritt dann selbst mit einer neuen Lösung als Messias auf, was dann bei anderen entweder zu Resignation (totstellen) oder heftigen Widerständen führt (kämpfen).

        2.) Man setzt selbst etwas als selbstverständlich oder naturgegeben voraus, obwohl dies aus der Sicht anderer nicht der Fall ist. Beispielsweise geht man davon aus, dass die Digitalisierung, selbständiges Lernen oder andere Neuerungen von sich aus wünschenswert sind. Manchmal sind diese Annahmen sehr subtil und nur schwer aufzuspüren, sie können bei anderen aber zumindest zu Unbehagen (bereitet Kopfschmerzen, Bauchweh, …) führen.

        Wenn man sich solcher Muster bewusst ist, kann man die eigene Kommunikation entsprechend anpassen und die Bereitschaft steigt, auf die Bedenken des „gegnerischen“ Lagers einzugehen.

        Diese Überlegungen schreibe ich hier auf, weil ich immer wieder beobachte, dass eigentlich gute Ansätze entweder bereits im Keim erstickt werden – so haben wir dies noch nie gemacht – oder diese dann auf eine Art und Weise umgesetzt werden, dass auch den ursprünglichen Initianten schnell klar werden muss, ihre Ideen sind wenig hilfreich – ich beweise dir jetzt, dass deine Idee schädlich ist.

        • Danke dir, Matthias.
          Das ist aus meiner Sicht zwar ein ernüchternder Beitrag (im bestmöglichen Sinne) aber deshalb definitiv ein wichtiger.
          Wir sollten uns demnach gut überlegen, was der konkrete Mehrwert aller Überlegungen ist – für die Initiatoren ebenso wie für die Skeptiker. Kommunikation wird eine Arbeit sein.

          Ich argumentiere aktuell oft aus der Richtung: Wir (fast) alle haben Großes geleistet im letzten Jahr. Die dafür nötige Weiterentwicklung von Skills und Unterrichtsreihen sollte gesichert und wertgeschätzt werden, sodass sie nicht umsonst war.

        • Ich denke da eher an den Ansatz den Richard David Precht immer mal wieder vertritt: Wie würden wir uns eine Schule ausdenken wenn es so etwas einfach noch nicht gäbe und wir sie jetzt erfinden müssten.
          Dann könnten wir gemeinsam verschiedene Ideen entwickeln und Vor- und Nachteile herausarbeiten.

          Dein Ansatz ist aber wirklich sehr hilfreich. Hast Du damit konkret Erfahrung gemacht bzw. damit dieses Vorgehen zu vermeiden?

          • Es lohnt sich auf jeden Fall, die eigene Motivation zu hinterfragen, wenn man die Schule „erneuern“ möchte. Was ist wichtiger: Eine neue Form der Schule einzuführen, oder selbst als Erneuerer dazustehen? Wenn die Neuerung vor allem der Pflege des eigenen Egos dient, ist die Gefahr gross, das bisher Geleistete kleinzureden.

            Eine zweite wichtige Frage, die man sich immer stellen sollte: Ist die Neuerung wirklich eine Neuerung? Der Widerstand von manchen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen beruht zumindest auch teilweise darauf, dass sie eben diese Neuerung vor Jahren (wenn auch vielleicht etwas anders verpackt), schon einmal über sich ergehen lassen durften.

            In diesem Falle hilft es, den betroffenen Personen zuzuhören oder sich in der Bildungsgeschichte schlau zu machen. Zumindest einige der Zitate, die vor 100 Jahren geschrieben wurden, können auch heute noch ohne Änderung auf aktuelle Schulsituationen angewendet werden.

            Ein dritter aktiverer Ansatz besteht darin, vom Kollegium zu erfahren, wo der Schuh am meisten drückt. Damit kann eine Neuerung nicht nur auf tatsächliche Probleme abzielen, sondern wird, sofern sie richtig umgesetzt wird, auch als positiv empfunden, was zumindest bei einigen Lehrpersonen den über viele weniger hilfreiche Reformen erworbenen Reflexe aufbrechen kann.

            Letztlich ist es auch wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche (meist subjektiven) Bedrohungen durch das eigene Handeln bei anderen aufgebaut werden: „Wenn der das macht, muss ich das auch tun.“ Wer sich in seinem professionellen Handeln bedroht fühlt, zeigt meist wenig Bereitschaft für Neuerungen.

        • Danke, lieber Matthias, für‘s Aufmerksammachen. Ich stimme dir zu und werde es fortan bewusster tun. Einladender.

          Matthias Förtsch sprach in einem tollen Vortrag von den lohnenden bestehenden Mustern, die es mitzunehmen gilt. Und die Schulleiterin Kranich plädierte dafür, die Schüler und Schülerinnen immer wieder zu befragen.

          In diesem Dreieck versuche ich mich zu bewegen, während ich nach erreichter Digitalisierung in meiner Klasse nun den schrittweisen Weg der Digitalität versuche.

          Dies wage ich in einem gesicherten Beziehungsgefüge (worüber ich sehr dankbar bin, weil es viele Schritte erleichtert) über die Grundgedanken der Prozessorientierung und die Tendenzen neuer Prüfungskultur. Das o.g. Beziehungsgefüge erstreckt sich über Schüler und deren Eltern, über den kollegialen Austausch (analog, digital-vernetzt), über die offene Tür zum Unterrichtsraum bis zu meinen Referendaren, die mitdenken, blinde Flecken aufzeigen und auch das Stoppschild 🛑 zeigen: Zeit, Kraft, Angemessenheit.

          Insgesamt für mich: Die Gegebenheiten sind günstig – vielleicht günstiger als bei vielen, die mir zuhörten oder zulasen. Ich werde es beherzigen.

  4. Hmmm… ich denke diese Session schreit nach einem Design Thinking-Prozess. Der ein paar Jahre dauern wird. Wer macht mit? 😉

    • Hallo Jens,

      Wenn uns ein solcher Prozess hilft, Schule weiter zu entwickeln: gerne 🙂
      Lass uns gerne im Padlet wissen, wie ein solcher Prozess funktioniert, was er benötigt und was deine Motivation dafür ist.
      Mag sein, dass das Jahre dauert – aber was ist die Alternative?
      Ich würde mich freuen, von dir zu hören.

  5. Für mein Fachseminar und ein bisschen auch für mein eigenes Malen über die Ränder habe ich im #twlz gegenwärtige Tendenzen gesammelt:

    https://padlet.com/Catrin1978/p68ko7nxtf1w95st

    Sollte etwas dabei sein, schlagt zu. Seht ihr mehr, freue ich mich über Tipps.

    Und nun meine Frage: Ich befinde mich in einem Prozess, agile Ideen meiner erweiterten SL schmackhaft zu machen, sie mit ins Kollegium zu bringen. Ich schlug den nächsten „Pädagogischen Tag“ vor – gefühlt (vielleicht) zu spät.

    Wie verfahrt ihr. Jetzt? Im neuen Schuljahr?

    • Wir haben für das kommende Schuljahr eine Arbeitsgruppe (ohje!) ins Leben gerufen. Das ging im Wesentlichen wohl von der SL aus. Diese hat allerdings auch erkannt, dass wir Dinge neu denken sollten.
      Ich gehe davon aus, dass es ein längerer Prozess wird, bis wir A eine gemeinsame Vorstellung davon entwickeln können wohin sich unsere Schule entwickeln sollte und bis wir B diese Vorstellungen mit allen anpacken können.

      Als Ziel haben wir im Februar einen pädagogischen Planungstag auf dem wir die dann hoffentlich schmackhaften Ideen präsentieren, diskutieren und weiterentwickeln.

      Es graut mir ein bisschen…

      • Dein etwas mulmiges Gefühl kann ich nachvollziehen. Es soll schon vorgekommen sein, dass an einem solchen Planungstag wenig Konkretes herausgekommen ist.

        Bei solchen Planungen lohnt es sich, Zielsetzungen zu differenzieren. Findet man ein Thema, welches vielen unter den Nägeln brennt, sucht man nach einer Reihe von niederschwelligen Lösungen, welche idealerweise einen relativ hohen Wirkungsgrad haben. Diese Massnahmen setzt man dann in den nächsten Tage (höchstens Wochen) versuchsweise um und denkt am Ende der abgemachten Periode daran, Fazit zu ziehen. Meist ergeben sich dann daraus weitere konkrete Schritte.

        Den grossen Wurf an einem Tag zu planen, erinnert ein wenig an die Politik, welche bei den CO2-Emissionen ja auch lieber eine grosse Massnahme in 20-30 Jahren plant, als sofort etwas umzusetzen, was nachgewiesenermassen Wirkung zeigt. Als Resultat einer solchen Strategie befindet man sich dann in stetiger Entwicklung, was in der Regeln den Vorgaben von oben entspricht, dass dabei meist nur wenig umgesetzt wird, kann man dann immer noch im Nachhinein begründen.

        Wenn aber jeder innert einer Woche nach dem Treffen nur eine einzige kleine Massnahme umsetzt, dort wo auch ein Bedürfnis dafür vorhanden ist, dann besteht tatsächlich die „Gefahr“, dass die Schule ein wenig besser wird. Und Erfolg ermutigt zu weiteren Versuchen. Ausserdem ist es auch nicht weiter schlimm, wenn eine der kleinen Massnahmen aus was für Gründen auch immer nicht funktioniert. Niemand verliert dabei das Gesicht und man hat noch genügend Energie übrig, den nächsten Versuch zu starten.

  6. Wir haben uns mal über die ganzen Rückmeldungen unterhalten:

  7. Nach den eher ernüchternden Feststellungen weiter oben, möchte gegen Ende des Barcamps noch einige Hinweise dazu geben, wie man Schule neu denken kann.

    1) Beginne bei dir selbst.
    Die Verlockung andere für seine ureigene Anliegen einzuspannen ist gross. Und meist sind es auch die eigenen Ideen. Da aber andere wohl mit der Umsetzung ihrer eigenen Ideen beschäftigt sind, lohnt es sich, neue Ansätze erst einmal im eigenen Unterricht umzusetzen. Hat man genügend Erfahrungen gemacht, kann man Kolleginnen und Kollegen über die erzielten Ergebnisse, die Vor- und Nachteile des Ansatzes informieren. Das ist dann keine Hochglanzwerbung, aber ehrlich. Selbstverständlich darf man die eigenen Wünsche in diesem Zusammenhang auch formulieren, solange man sich bewusst ist, dass es sich wirklich um Wünsche und nicht nur Forderungen handelt.

    2) Seid dir bewusst, es braucht Zeit.
    Nachhaltige Veränderungen brauchen Zeit. In der Schule sind wir kein agiles, disruptives Internetunternehmen, welches innert weniger Jahre 2 Mrd. Follower ansammelt. Dazu respektieren wir die Menschen, mit denen wir arbeiten, zu sehr. Wir führen auch keine unethischen Kinderversuche durch. Was wir aber machen können, unseren eigenen Unterricht schrittweise zu entwickeln. Immer mit grosser Aufmerksamkeit, dass wir uns mit den erwünschten Vorteilen nicht Nachteile erkaufen, für welche wir blind sind. Eine Reise beginnt mit einem Schritt, bis man am Ziel ist, braucht es aber viele weitere Schritte. Ausser es ist Mitternacht und das Ziel ist der Kühlschrank (manchmal färbt die Arbeit mit Teenagern ab).

    3) Suche Menschen, die dich unterstützen.
    Je nach gefühlten Innovationsgrad der eigenen Idee überschlagen sich die Kolleginnen und Kollegen nicht unbedingt dafür, diese auch umzusetzen. Aber es gibt ja in der Umgebung (oder auf der ganzen Welt) weitere Schulen, wo man möglicherweise entsprechende Personen findet. Und damit ist nicht eine Blase von Leuten gemeint, die sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, sondern eine Lerngemeinschaft, in der man sich austauschen kann, die eigenen Ideen anpassen, verfeinern und auch kritisch hinterfragen kann.

    4) Such dir einen Arbeitsort, an dem du Freiräume nutzen kannst.
    Nicht in jeder Konstellation funktioniert die Zusammenarbeit so, dass man den eigenen Herzensangelegenheiten folgen kann. Manchmal ist dazu ein Ortswechsel notwendig. Häufiger muss man sich den dafür notwendigen Raum erst einmal erspielen. Wenn nämlich Schulleitung, Eltern und Lernende immer wieder erfahren, dass man sich ernsthaft um darum bemüht, den Lernenden ein möglichst gutes Umfeld zu bieten und den Erfolg der ganzen Schule über Eigeninteressen zu setzten, dann entsteht Vertrauen. Und Vertrauen schafft Freiräume. Und wenn man dieses Freiräume verantwortungsvoll nutzt, wachsen sie mit der Zeit.

    • Vielen Dank für deine Überlegungen, die haben mich richtig zum Nachdenken gebracht -insbesondere deine Frage von weiter oben, leicht abgewandelt: Was und wie trage ich selbst dazu bei, dass die Situation so bleibt, wie sie ist? Das ist eine systemische Frage, die mich aber so richtig auf mich selbst zurückwirft- nicht über die KuK klagen, nicht die Kultusbürokratie bejammern, … – darin steckt ja auch, dass ich mehr Anteil habe und damit potenziell ändern kann, als ich vielleicht sehe. Mir hat das Mut gemacht, wieder mehr an meine Möglichkeiten der (Schul-) Entwicklung zu denken, anstatt an die Begrenzungen von außen oder darauf zu warten, dass andere sich bewegen.

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